Für alle die es noch nicht gemerkt haben — die Weltwoche nimmt es mit der Wahrheit nicht mehr so genau wie auch schon. Auch die Qualität der Berichterstattung über die Wissenschaft hat in den letzten Jahren stark gelitten.
So zum Beispiel der Bericht über die Klimaveränderung in der vorletzten Ausgabe, Orakel des Untergangs. Mit diesem Text haben sie sich auf das wissenschaftliche Niveau der US-amerikanischen Neokonservativen gestellt.
Nigel Lawson macht sich in sehr unwissenschaftlicher Art und Weise über den aktuellen Stand des Wissens in der Klimaforschung lustig. Jede seiner Aussagen kann von interessierten Zeitgenossen widerlegt werden. Seine Argumentationslinien klingen zwar gut, sein Wissensstand scheint aber mehrere Jahrzehnte alt zu sein. In der Zwischenzeit sind in der Klimaforschung grosse Fortschritte erzielt worden, die Unsicherheiten sind mittlerweile so klein, dass politische Handlungen eigentlich einfach begründbar sein sollten.
Folgende Punkte sind im Text sträflich ungenau gelassen:
- Der durchschnittliche Anteil des Wasserdampfes an der Klimaerwärmung ist wesentlich genauer bekannt. Die Ungenauigkeit, welche vorgegaukelt wird, ist Augenwischerei.
- Dass die IPCC-Szenarien auf optimistischen, möglicherweise blauäugigen Prognosen bezüglich des Wirtschaftswachstums aufbauen, stimmt. Die korrigierte Minimalvorhersage, welche im nächsten Assessment Report des IPCC herauskommen wird, zeichnet schon ein genügend schlimmes Bild. Mehr Erwärmung braucht es eigentlich nicht, um uns zum Handeln zu bewegen.
Folgende Punkte sind mitterweile unter Klimawissenschaftern unbestritten:
- Der Grossteil der Erwärmung der letzten Jahrzehnte ist auf die durch menschliche Aktivität emittierten Treibhausgase zurückzuführen. Die Menge des emittierten CO2 korreliert in hohem Masse mit der gemessenen Erwärmung.
- Der erwähnte urban heat island effect ist schon lange in Korrekturen eingeflossen — zudem ist die Erwärmung auch an anderen Stellen messbar.
- Strahlungsschwankungen der Sonne spielen vielleicht möglicherweise eine Rolle beim Auslösen von Feedback-Prozessen; die Aktivität der Sonne hat sich in den letzten Jahrzehnten aber nicht nur annähernd in dem Masse verändert, wie es nötig wäre, um die gemessene Erwärmung zu erklären.
Folgende Punkte sind pure Augenwischerei:
- Dass er die Medieval Warm Period und das Little Ice Age erwähnt beweist, dass er den Unterschied zwischen lokalen und globalen Phänomenen nicht verstanden hat.
- So etwas wie die Rekordhitze von 1998 hat es wieder gegeben: 2005 war das wärmste Jahr seit Beginn der instrumentellen Messungen, und dies obwohl 1998 ein Jahr mit El Niño Event war, welches immer zu höheren Messwerten führt (dies, weil sich die Mehrzahl der Messstationen auf der nördlichen Hemisphäre befindet).
- Der Effekt des SO2 ist tatsächlich nicht sehr gut verstanden, aber doch einiges besser als Nigel Lawson uns einreden will.